[Stories] Bunte Blätter

Saturday, August 24, 2013


Heute gibt es zur Abwechslung mal wieder eine Kurzgeschichte. Da ich sie jetzt leider nicht mehr kontrolliert und überarbeitet habe, werden hier und da einige Grammatikfehler lauern. Also seid auf der Hut und genießt ansonsten die Story mit einem kühlen Eistee. Hier in Seoul sind es noch immer 30 Grad plus, da kann man sich schon mal einen genehmigen. ;)

Bunte Blätter / Rot, gelb, braun
« Tom kam wieder mal zu spät. Wie immer. Gelangweilt saß ich auf der Parkbank, den Oberkörper auf meine Knie gelegt und den Kopf in meinen Händen gestützt. Mama sagte mir ständig, ich sollte nicht mit krummen Rücken dasitzen, da ich sonst mal einen Buckel wie Opa bekäme, erinnerte ich mich. Daher lehnte ich mich an die harte, gerade Lehne der Bank und wartete weiterhin ungeduldig auf meinen Freund.
Währenddessen beobachtete ich eine Amsel, die flink über den Boden hüpfte und etwas Essbares suchte. Vielleicht einen Wurm, vielleicht einen Käfer. Eine alte Dame fütterte einige Tauben, welche sich um sie geschart hatten, mit Brotkrumen. 
„Hey Ben“, hörte ich jemanden nach mir rufen. Vor mir stand Tom, verschwitzt und grinsend. Mein bester Freund.
„Wird auch langsam Zeit“, nörgelte ich, woraufhin sich sein Grinsen nur noch breiter über seine Mundwinkel erstreckte.
„Weil du dich wieder mal verspätet hast, bist du heute mit Suchen dran.“
„Aber ich muss immer!“
„Das ist deine Schuld!“, lachte ich und rannte in den angrenzenden Wald hinein, „und nicht schummeln!“
Ich hörte noch, wie er sich seufzend an einen Baum stellte und zu zählen begann. Eins, zwei, drei …
Der Wald hatte sich schon herbstlich eingerichtet. Rote, gelbe und braune Blätter zierten die dünnen, bereits leicht kahlen Äste und die Zweige wippten im Wind freundlich auf und ab. Sie erinnerten mich an dünne, knochige Finger, die nach mir greifen wollten. Dennoch lief ich mutig tiefer hinein und hielt dabei Ausschau nach einem geeigneten Versteck.
Eine Weile stolperte ich ziellos umher und merkte, wie die Aufregung in mir hochkroch. Wenn ich nicht bald ein Versteck finde, gewinnt Tom schon wieder, dachte ich zu mir selbst und keuchte. Erschöpft ließ ich mich unter einen großen Baum nieder, dessen Krone nur noch spärlich mit Blättern geschmückt war. Ich sah zur Sonne hoch, die mit ihren warmen Sonnenstrahlen mein Gesicht kitzelnd wärmte.
Ich winkelte meine Beine an, um besser sitzen zu können, aber plötzlich fanden sie keinen Halt mehr und ich rutschte polternd ab. Erde, Sand und Laub fiel mit mir in eine Art niedrige Grube, umschlossen vom knorrigen Wurzelwerk.
Verwirrt blieb ich einige Minuten so sitzen, sammelte mich aber rasch wieder und versuchte aufzustehen. Ich vermutete, dass ich in einen verlassenen Dachs- oder Fuchsbau gefallen war und begutachtete meinen Fund. Ich kauerte mich auf den Boden und lugte über die Wurzeln hinaus in den Wald. Alles schien genauso wie vorher, die bunten Blätter tanzten im Herbstwind und raschelten dabei leise.
Zufrieden legte ich mich auf den Rücken und suchte eine einigermaßen bequeme Position,  während ich dabei spitze Steine wegschob, Sand aus meinen Schuhen schüttelte, Laub als weichen Kissenersatz zweckentfremdete und wartete. Es roch modrig nach Tier in der Grube, ein eigenartiger Geruch. Die Wurzeln und Zweige pieksten mich und kleine Insekten zwickten meine Haut. Dennoch blieb ich eisern und unbeweglich in dieser Position liegen.
Hoffentlich hat Tom mich nicht gehört. Hier findet er mich bestimmt niemals. Es hat so lang gedauert, ein gutes Versteck zu finden. Aber trotzdem ganz schön ungemütlich hier … Autsch, was ist das? Viel zu viele Wurzeln … Vielleicht setze ich mich doch anders hin. Aber wenn er mich dabei sieht? Nein, ich bleibe lieber liegen. Diesmal darf er nicht gewinnen! 

Tom sah auf die Grube hinab. Nein, es war keine richtige Grube, eher eine kleine Kuhle, die vielleicht so viel Platz wie für eine kleine Reisetasche bot. „Ein ehemaliger Fuchsbau“, hatten die Fachleute dazu gemeint. Doch Tom schüttelte den Kopf. Es war Grab, welches so viel Platz wie für ein kleines Kind bot.
Er erinnerte sich an die Ereignisse, als wäre es erst gestern gewesen. Ironischerweise war es sogar dieselbe Jahreszeit. Ein gelbes, vertrocknetes Blatt fiel neben ihn zu Boden.
Ben und er hatten an einem Oktoberwochenende Verstecken gespielt. Wie immer hatte Tom suchen müssen, doch als Älterer von beiden hatte er es immer still hingenommen. Doch dieses Mal war es anders verlaufen. Tom hatte stundenlang nach seinem Freund gesucht, ohne ihn jemals gefunden zu haben. Als er schließlich nicht mehr weiter gewusst hatte, war er nach Hause gelaufen und hatte seine Eltern verständigt. Diese waren mit Bens Eltern auf die Suche nach dem Jungen gegangen. Es war schon dunkel geworden als sie unruhig die Polizei gerufen hatten, welche mit ihren Spürhunden schließlich den Jungen gefunden hatten. 
Allein, mit Blut bedeckt, tot.
Der Pathologe hatte gemeint, dass Ben von einem Wildschwein überrascht worden wäre, während er sich in seinem Versteck sicher gefühlt hatte. Aber nur sicher vor Tom.
Das alles war nun viele Jahre her. Bens Eltern waren nach der Beerdigung ihres Sohnes in eine andere Stadt gezogen, hatten aber alle Erinnerungen hier gelassen. Tom hatte geglaubt, diesen Verlust verarbeitet zu haben. Er hatte die Schule beendet, hatte Ingenieurwissenschaften an einer der renommiertesten Universitäten des Landes studiert und hatte seine wunderschöne Frau geheiratet. 
Doch dann hatte sein Chef ihn vor einigen Wochen genau hierher geschickt, mit dem Auftrag, einen Freizeitpark zu entwerfen. Die Planierraupen hatten den Großteil des Waldes bereits gerodet und heute war der letzte Rest an der Reihe.
Und nun stand er hier, genau an der Stelle, an welcher Ben vor über zwanzig Jahren seinen Tod gefunden hatte. Ein Kloß sammelte sich in seinem Hals, ein Schauer fuhr ihm seinen Rücken runter und seine Hände fingen unmerklich an zu zittern. Er wusste nur aus Zeitungen und aus dem Fernsehen, wo genau der Unfallort war. Besucht hatte er ihn nie, auch wenn der Wald nur einige Kilometer von seinem elterlichen Haus entfernt gewesen war. Doch Tom war sich sicher, dass es hier gewesen sein musste. 
„Herr Müller, wir sind dann soweit.“, rief einer der Bauarbeiter ihm zu und riss Tom aus seinen Gedanken. 
„Ja, ist gut. Ich komme gleich nach.“, antwortete er mehr für sich.
Er sah noch einmal auf die Grube hinab. 
Es tut mir leid, Ben. Es tut mir so leid …
Der Wind wirbelte einige Blätter Waldboden auf und ließ eines nach dem anderen wieder  sanft fallen. Rot, gelb, braun. «

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14 % Love

  1. wow die Geschichte ist verdammt toll! Ich konnte mir das alles bildlich vorstellen. Zuerst dachte ich, dass es dein Tagesablauf war, als du auf deinen "Fotografen" gewartet hattest. Dein Bild passt nämlich richtig gut zu dieser Geschichte! Bin immer noch fasziniert davon! :) Hoffe es kommen bald noch mehr so Geschichten! Lesen werde ich sie auf jeden Fall!

    Ganz liebe Grüße ♥

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    1. Dankeschön! Freut mich sehr. Natürlich kommen weiterhin Kurzgeschichten von mir. :)

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  2. Eine interessante Geschichte :)
    Habe erst nicht verstanden, dass Ben tatsächlich tot ist...dann hab ich aber den Schnitt bemerkt :)

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  3. coole geschichte. du schreibst echt gut :)
    das foto gefällt mir total. der wind durch deine haare ;)

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  4. Deine Outfits sind so inspirierend, und dein Schreibstil auch!

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    1. Oh danke Nadine! Zugegeben, find ich den Stil dieser Geschichte echt mies. War leider sehr unter Zeitdruck. ;D Also, es gibt definitiv Besseres von mir.

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  5. Die Geschichte ist zwar echt traurig, aber wirklich toll geschrieben! Ich liebe deine Kurzgeschichten :)
    l.g. Lena

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    1. Freut mich sehr, Lena! Es werden definitiv noch weiter folgen. :)

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  6. super Geschichte! So etwas lese ich immer wieder gerne :-)

    Und dein Outfit sieht super aus!


    Liebe Grüße,
    Verena von www.whoismocca.com

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