Kolumne #2: Herz gegen Verstand

Sunday, February 28, 2016


Das ist dumm, das ist total dumm.


Immer wieder hallen die Worte in meinen Gedanken wider und trotzdem ziehe ich dich näher an mich heran. Um uns herum verschwimmen das laute Gelächter und die Gespräche der viel zu heruntergekommenen Bar in einer klebrigen Suppe von Drinks, Zigarettenqualm und schummrigen Licht. Mein Kopf beginnt langsam zu pochen und ich verfluche mich, dass ich mich wieder überreden lassen habe, so viel zu trinken. Doch ich kann nicht anders, als so zu verharren und deinen Atem auf meiner Haut zu spüren. Deine Augen brennen, als sie auf meinen Blick treffen.



Blouse: ebony eyes | Cardigan: H&M | Jeans: Pull&Bear | Boots: Vagabond | Belt: & other stories | Watch: Daniel Wellington | Earrings: Forever 21

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas so Unüberlegtes getan habe. So spontan war. Vielleicht war in den letzten Jahren alles zu sehr durch getaktet: Das Studium, die Arbeit, selbst meine Freizeit. Um meine Zeit auszunutzen. Um produktiv zu sein.
Doch heute sitz ich auf dieser wackligen Bank irgendwann weit nach Mitternacht. Hier, mit dir. Ganz kurzfristig, total spontan bin ich noch einmal losgezogen, obwohl ich mich Zuhause lieber erholt hätte. Warum, fragst du dich? Weil ich auf mein von mir bereits verloren gegangenes Bauchgefühl gehört habe. Jenes durchdringende Gefühl, welches sich in der hintersten Ecke versteckt hatte und mir leise Mut zusprach. Versuch es, probier es. Du hast nichts zu verlieren.



Als könnte er meine Gedanken lesen flüstert er: "Du denkst zu viel nach." Meine bereits für den kommenden Tag aufgesetzte To-Do-Liste erscheint mir plötzlich nichtig, so unbedeutend. Liegt es am Alkohol, dass sich mein eigentlich dominierender Verstand wie von selbst ausschaltet, sobald du in meiner Nähe bist? Dass ich keinen Gedanken an potentielle Konsequenzen verschwende, sogar Lust auf etwas Dummes, Verbotenes habe? Dass ich mich teilweise selbst nicht mehr erkenne, aber ich mich diesem unbekannten Ich so sehr gesehnt habe? Denn irgendwo tief in meinem Innern regt er sich, der Freigeist, der aus dem stramm geschnürten Korsett ausbrechen will.



Lange Zeit habe ich nur in der Zukunft gelebt, alles geplant. Hinter meinem Kalender steckt ein akribisches System; Jeder Termin, jedes Treffen wird bis auf die Minute genau eingetragen. Ich brauche diese Art der Kontrolle, um mein sonst so sprunghaftes Leben auf die Reihe zu kriegen. Ein Paradox, ich weiß.
Es war schon immer so, dass ich mich mit vielen Möglichkeiten schwer getan habe. Ich will einfach zu viel, zu viel von dem, was ich nicht haben kann. Wie Niklas Luhmann sagt: "[Die Entscheidung] ist die Einheit dieser Differenz [zwischen Vergangenheit und Zukunft], also ein Paradox." 

Und ich entscheide mich für dich. Zumindest heute Nacht, in diesem Moment.



"Denn die Zeiger sie rasen im Kreis´
Und auf einmal sind Jahre vorbei
Und du platzt in mein Leben
Und ich platz in dein Leben.

Und wenn wir eines nicht haben, dann Zeit.
So schnell wie wir komm' sind wir weg.
Ich drück' mich an dich, denn vielleicht
Ist es morgen schon wieder vor-,
Morgen schon wieder vor-
Morgen schon wieder vorbei.

Wir fesseln uns an den Moment.
Du drückst mich an dich, denn vielleicht
Ist es morgen schon wieder vor-,
Morgen schon wieder vor-
Morgen schon wieder vorbei."

Olson - Morgen Vorbei


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9 % Love

  1. Ich finde es schrecklich, wie die heutige Gesellschaft uns ständig so unter Druck setzt. Damit wir arbeiten, alles schaffen eben. Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Mein soziales Leben spielt benachteiligt, weil der Kopf sich sagt "nach 12 Stunden arbeiten doch noch feiern gehen? Keine gute Idee, du musst morgen mittag wieder fit sein!". Also ist es bei mir im Grunde genommen anders, weil mein Kopf sich darauf versteift, auf der Arbeit zu funktionieren. Ich denke beide Denkweisen sind nicht richtig und wirklich von der Gesellschaft geprägt. Man sollte trotz Arbeit noch ein soziales Leben führen, aber man sollte auch trotz sozialem Leben immernoch Zeit für sich haben, damit man den Sprung zwischen Arbeit und Freunden stressfrei meistern kann...

    Liebe Grüße,
    Jenny
    http://imaginary-lights.net

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    1. Im Grunde denke ich wie du: "Ich kann nicht ausgehen, ich muss morgen fit sein." Aber vor einiger Zeit hat es bei mir Klick gemacht. Es bringt nichts, sich sein Leben lang abzurackern. Karriere steht nach wie vor an erster Stelle (neben Familie und Freunde), aber nicht um jeden Preis.
      Genau wie du es sagst, man braucht Balance. Und manchmal geht die leider verloren und muss sie sich wieder in Gedanken rufen. :)

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  2. Ein wirklich toller Text. Ich glaube die meisten können dich da verstehen. Man ist so voll gepumpt mit Terminen und gleichzeitig liebt man es. :D
    Und manchmal gibt es kleine spontane Erlebnisse , die aus dem Kalender fallen und man hat so viel Spaß, dass man einfach nur dankbar ist :)

    Liebe Grüße <3
    http://dreamyya.blogspot.de

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    1. Danke dir. Genau das meine ich! Bin froh, dass ich den Kern doch irgendwie vermitteln konnte.

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  3. Auch wenn ich kein soo krasser Plan-Mensch bin (wobei, das vielleicht, aber ob ich mich daran halte ist eine andere Geschichte), weiß ich, wovon du sprichst. Man denkt viel zu sehr an das Morgen, um wirklich das Heute, das Jetzt zu genießen. Und ich glaube, dass genau diese spontanen Momente, die unerwarteten und ungeplanten, am Ende die sind, die uns am glücklichsten machen. Oder zumindest sehr stark in Erinnerung bleiben :)

    Alles Liebe <3

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    1. Word! Spontane Aktionen sind tatsächlich die Besten. Muss ich mir leider immer wieder in Erinnerung rufen. Aber ich arbeite daran!

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  4. Diese Termine Druck und der ganze Stress erlauben uns meistens gar nicht solche spontane Aktionen. Das Leben besteht nun meist aus Arbeit Terminen und Haushalt. Traurig aber Wahr. Ich finde solche Momente Kostbar! Wie du es beschrieben hast das kenne ich nur zu gut. Liebe Grüße Ida von http://www.naturalbarbie.de/

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  5. Diese Termine Druck und der ganze Stress erlauben uns meistens gar nicht solche spontane Aktionen. Das Leben besteht nun meist aus Arbeit Terminen und Haushalt. Traurig aber Wahr. Ich finde solche Momente Kostbar! Wie du es beschrieben hast das kenne ich nur zu gut. Liebe Grüße Ida von http://www.naturalbarbie.de/

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