Kolumne #3: Ostern - Fastenzeit, Verzicht und Bewusstsein

Monday, March 28, 2016


"Es gibt drei Formen der digitalen Spaltung: Zum einen die Divergenz zwischen Industrie- und Entwicklungsgesellschaften, zweitens die Kluft zwischen den Informationsarmen und den -reichen und zu guter letzt den Unterschied zwischen Nutzern und Nichtnutzern der digitalen Bandbreite ..." Leise murmle ich die Sätze immer wieder vor mich hin, während meine Hände das Silberpapier der Lindorkugel auseinander friemeln. Geistesabwesend kaue ich auf der zart schmelzenden Schokolade herum und genieße jeden klebrigen Schluck der süßen Masse. Als ich zu Bordieus Unterscheidung zwischen ökonomischen, sozialem und kulturellem Kapital gelange, ertappe ich mich dabei, wie meine Hand ins Leere greift. Ungläubig starre ich auf die übergroße Plastiktüte, in der sich bis vor Kurzem noch eine Handvoll Schokokugeln befunden haben. Die können doch noch nicht leer sein? Bestimmt hat sich noch eine versteckt.. Ja, da ist doch - Mist, ist nur Papier. Hab ich wirklich die ganze Tüte aufgegessen?!


Am 09.02. habe ich von einem Tag auf den nächsten beschlossen zu fasten. Quasi eine Nacht und Nebel Aktion, nur, dass sie in meinem Kopf stattgefunden hat. Ich wurde zwar christlich erzogen und kenne den Hintergrund der Fastenzeit, aber ich bin nicht besonders gläubig und auf Fleisch habe ich auch nicht verzichtet. Dafür auf Süßigkeiten, um genauer zu sein: Schokolade. 
Auf Gummibärchen, Kekse, Chips erst recht kann ich gut und gern für ein halbes Jahr verzichten, aber Schokolade? Zu meinen Lieblingssüßspeisen zählen Schokoladenkuchen und Schokoladeneis, je schokoladiger, desto besser! Während ich früher in Stresssituationen keinen Bissen herunterbekommen habe, schaufel ich mir zurzeit in Klausurenphasen massig in mich hinein. Spät abends, wenn ich am produktivsten bin, sind die Cravings so schlimm, dass ich gut und gern mal eine ganze Tafel verdrückt habe. Das letzte Mal waren es durchgängig fast zwei Wochen lang. Wie mein Körper es mir gedankt hat? Mit einem heftigen Akneschub. Ich hab nie die reinste Haut gehabt, aber innerhalb von wenigen Stunden sah ich aus wie eine Fünfzehnjährige in der Pubertätshochphase. Und das sogar noch nach der Klausurenphase, wo der ganze Stress abgefallen sein sollte. Und ja, daran war tatsächlich die ganze Schokolade schuld.


Mich hatte man letztens mit "diszipliniert" beschrieben und ich musste mein Lachen unterdrücken. Es stimmt, dass ich einige Dinge wie meine Sportroutine durchziehe. Doch ich bin die größte Prokrastinantin und in allem so wahnsinnig ablenkbar, dass ich tausend Projekte gleichzeitig beginne, aber nur gefühlt die Hälfte davon zu Ende bringe. Dennoch war ich mir ziemlich sicher, dass ich es schaffen würde, die vierzig Tage ohne Süßes durchzustehen. Und das habe ich auch. Na gut, nicht ganz, ein paar unbeabsichtigte Cheat Meals gab es. Der erste Rulebreaker war ein Bissen Kaiserschmarren, bei dem meine Schwester mich gedrängt hat, ihn zu probieren (fand ich nicht so geil), das nächste war der Nusskuchen zu Papas Geburtstag (bei so einem kleinen Personenhaushalt muss jeder min. fünf Stück essen, damit er wegkommt und nicht schlecht wird ...), dann waren in meinem Fertigporridge ein paar Schokoladendrops (die man im Nachhinein gar nicht mehr geschmeckt hat) und letzte Woche hat meine Schwester noch einen Blueberry Cheesecake gebacken (warum zur Hölle backt sie in der Fastenzeit so viel?). 
Für mich ist es trotz des Schummeln kein gescheitertes Projekt gewesen, im Gegenteil. Mir war bis dato gar nicht bewusst, wie viel Zucker ich eigentlich zu mir nehme, obwohl ich davon überzeugt war, mich sehr zuckerarm zu ernähren. Pustekuchen. Während ich auf den ganzen Süßkram verzichtet habe, wurde mir sowohl auf der Arbeit, als auch Zuhause ständig Schokolade angeboten. Vom Chef, von Kollegen, von Freunden, von der Familie. Hätte ich nicht gefastet, hätte ich jedes Mal zugegriffen, auch wenn es nur ein, zwei kleine Stücke gewesen wären. Kleinvieh macht auch Mist und kumuliert sich.


Teilweise waren die Cravings echt hart und ich konnte das Ende nicht abwarten. Doch der Detox hat mir wirklich geholfen, denn schon nach dem gestrigen Frühstück am Ostersonntag, für das ich zur Feier des Tages Pancakes gebacken habe, bin ich fast am Zuckerschock gestorben. Ich bin überhaupt nicht der süße Frühstückstyp und die Masse an süßem Aufstrich, Obst und Eierkuchen hat meinen Insulinspiegel wohl überfordert. Ich war echt froh, dass die Kiwis sauer waren.
Ich verteufle Zucker nicht, plädiere einfach nur für eine bewusstere Ernährung. Und nein, ich habe auch nicht aufgrund Gewichtsgründen darauf verzichtet (ich bitte Euch). Meine Schwester jedoch konnte mit meiner Fastenzeit gar nichts anfangen und kommentierte nur mit: "Weißt du, jetzt bin ich noch jung und kann es mir leisten, alles zu essen. In zehn Jahren vielleicht nicht mehr. Deswegen will ich mich nicht einschränken und es genießen, denn das Leben ist zu kurz für Verzicht  und schlechtes Essen." Mir fiel darauf keine Gegenantwort ein. She had a point. Genauso werde ich es auch ab sofort handhaben, nur gemäßigter und ausbalancierter. Sonst könnte ich in nächster Zeit schon wieder meinem fünfzehnjährigen Ich im Spiegel begegnen und damit will ich Euch lieber verschonen.


Wie habt Ihr Ostern verbracht? Habt einen schönen Ostermontag!

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  1. Grandioser Text. Mir ging es so wie dir. Ich habe letztes Jahr das erste mal gefastet und auf Zucker verzichtet. Diese Entscheidung hat auch die Schokolade ausgelöst, denn was gibt es geileres als Schokolade? -genau, nichts. Und ich hab sehr starke Akne, was zwar hauptsächlich genetisch bedingt ist, aber ich lege dennoch Wert auf eine gesunde Ernährung. Das fällt mir noch nicht mal so schwer, da ich Gemüse in mich reinstopfen kann wie Chips aber immer wenn meine Regel bevorsteht ernähre ich mich ausschließlich von Schokolade. Letztes Jahr habe ich das Fasten überraschend gut durchgezogen, aber dieses Jahr war es unglaublich schwer, da ich auch wie du mitten in der Klausurenphase war und ich es einfach nicht konnte, mein Wille war nicht zu hundert Prozent da. Ich tu es nicht nur für mich, sondern auch wegen meines Glaubens. Ich stell mir immer vor, dass Jesus diese 40 Tage auch ausgehalten hat und so viel Nahrungsmittel wie heute gab es früher wahrlich nicht. Ich bin deshalb ein Stück weit von mir selbst enttäuscht, aber nächstes Jahr werde ich es wieder versuchen, denn ein Aufgeben wie dieses Jahr wird es nicht mehr geben!
    Du kannst sehr stolz auf dich sein, dass du das durchgestanden hast. Die kleinen Ausrutscher gehören halt dazu. :-)

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    Replies
    1. Es kann nicht immer klappen, Eva, aber schön, dass du es wenigstens versucht hast! :) Und es ermutigt mich, dass nicht nur ich so denke.
      Leider habe ich seit gestern wieder angefangen Schokolade in mich hinein zu schaufeln. Mist, haha.

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