Kolumne #5: Fass mich nicht an! + 90s-Revival-Outfit

Thursday, April 28, 2016


Okay, ich brauche noch ein Paar Socken, die Avocados darf ich nicht vergessen, muss das Dokument Zuhause noch ausdrucken und den Abwasch ma- WTF?!
Völlig entgeistert reiße ich herum und starre entsetzt zurück. Der Blick des Typen trifft meinen. Es zeichnet sich noch ein schelmisches Grinsen auf seine Mundwinkel ab, bis er sich umdreht und unbekümmert weitergeht. Langsam weicht das Gefühl des Schocks dem der Wut. Kurz überlege ich, ob ich ihm hinterher jagen und zur Rede stellen soll. Doch eine kleine Stimme in mir sagt: "Die Bahn kommt gleich, lass es, er ist es nicht wert." Noch schlechter gelaunt gehe ich weiter und versuche den Gedanken abzuschütteln.
Erst Zuhause merke ich natürlich, dass ich die Avocados vergessen habe.



Viel zu viel, um wahr zu sein ...


So ähnlich ergeht es mir in den letzten Jahren ständig, doch in den letzten Monaten haben sich diese Vorfälle aus unerfindlichen Gründen exponentiell kumuliert. Ich spreche von sexueller Belästigung. Mitten auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Lokalen. Eigentlich überall, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Seien es verbale Kommentare, dämliche Cat Calls, bis hin zu körperlichen Übergriffen. Meine zehn Finger reichen nicht, um überhaupt die Vorkommnisse des letzten halben Jahres aufzuzählen. Mir wurde im Vorbeigehen in die Seite gezwickt, an den Hintern und in die Haare gefasst, es wurden heimlich Fotos von mir gemacht, penetrant nach gemeinsamen Selfies gefragt, es wurde mir so sehr auf die Pelle gerückt, dass ich aufstehen und gehen musste, um der physischen Beklommenheit zu entweichen. Von den ganzen Sprüchen will ich gar nicht erst anfangen.



Ich bin keinesfalls jemand, der derartiges über sich ergehen lässt und schreie sofort auf, wenn jemandem (oder mir) Unrecht widerfährt. Zumindest dachte ich das. Denn wenn man sich tatsächlich in dieser Situation befindet, die einen natürlich total unerwartet trifft, ist man wie paralysiert. Was war das eben? Ist das tatsächlich passiert? Was mach ich jetzt? Man fühlt sich wirklich hilflos und bevor man reagieren kann, sind diese Idioten meist schon wieder weg.



Meine ungewollte Fotomodellkarriere


Letzten Herbst saß ich nichtsahnend im Bus und war auf dem Weg zu einer Grillparty. Irgendwann tippte mir man auf die Schulter und eine Dame machte mich darauf aufmerksam, dass der Kerl hinter mir heimlich Fotos von mir mache. Ich war gleich auf 180, fragte, was das soll und er mir die Fotos zeigen soll. Der Typ (total heruntergekommener Asipenner, entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber ich werde immer noch wütend, wenn ich daran denke) tat auf unschuldig blöd. Er wüsste gar nicht, wo das Problem sei. Nachdem ich (anscheinend zu seinem Erstaunen) hartnäckig blieb, zeigte er sie mir auf seiner Digitalkamera. Von wegen er würde nur aus dem Fenster fotografieren. Ich war das zentrale Objekt auf dem Foto, noch offensichtlicher ging es kaum. Zum Glück war nur mein Hinterkopf drauf und mein Profil nur zu erahnen, doch ich war pissig und forderte ihn auf, es zu löschen. Natürlich weigerte er sich. Vor Wut log ich sogar, dass es Konsequenzen haben würde und dass mein Freund Jurist sei. Half alles nichts. Die nette Dame unterstützte mich noch, aber alle anderen beobachteten das Spektakel, als sei es eine Schauspielvorführung. Irgendwann hab ich es gut sein lassen, weil ich mir weder die restliche Laune verderben noch mich mit so einem Menschen weiter auseinander setzen wollte. Wäre mein Gesicht gut zu erkennen gewesen, hätte ich natürlich bis zum Schluss auf mein Recht plädiert, aber so war mir meine Energie zu schade.
In diesen Minuten habe ich mich so hilflos gefühlt, irgendwann sogar ziemlich verzweifelt. Niemand hat geholfen und ich war mit meinem Latein auch irgendwann am Ende. Was wäre wohl passiert, wenn er handgreiflich geworden wäre? Hätten die anderen Leute im Bus auch nur da gesessen und zugeschaut?




Meine Schuld ... ?


Wenn ich solche Geschichten erzähle, dann empören sich die meisten; starren mich fassungslos an und reden mir gut zu. Meist kommt zum Schluss noch ein: "Pass das nächste Mal besser auf dich auf." Wie bitte? Es war hellichter Tag an einem öffentlichen Platz mitten in der Stadt. Ganz ehrlich, wenn mich jemand belästigt, dann liegt es überhaupt nicht an mir. Zu keinem Prozent. Und nein, die Kleiderdiskussion beginne ich erst gar nicht, das ist vollkommen lächerlich.



Ich war noch nie jemand, der in der Öffentlichkeit Angst hatte. Egal ob es dunkel, mir die Straße unbekannt oder ich allein unterwegs war. Während meine Eltern geradezu paranoid werden, wenn ich spät heimfahre, ist meine größte Sorge, dass mein Handyakku versagt, ich keine Musik auf dem Weg hören kann und ätzenden fremden Gesprächen und dem Stadtlärm ausgeliefert bin. Doch langsam verliere ich auch den Glauben an die Menschheit. Was ist, wenn tatsächlich etwas passieren sollte und ich mich nicht mehr wehren kann? Denn laut einer EU-Umfrage wurde bereits jede zweite Frau sexuell belästigt. Die Hälfte aller weiblichen Personen! Soll ich mich jetzt Zuhause einsperren und nie wieder einen Fuß ins Freie setzen? "Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause, dem Platz, an dem sie Schutz finden sollten“, sagt FRA-Direktor Morten Kjaerum (Quelle: TAZ). Na super, da haben wir den Salat.



Wie du mir, so ich Dir.


Seit klein auf lernt man doch, dass man andere Menschen so zu behandeln hat, wie man selbst behandelt werden möchte. Ist bei diesen Leuten das schier vorbeigegangen oder was ist da falsch gelaufen? Vielleicht sollte ich ihnen nächstes Mal einfach durch die Haare wuscheln oder ins Gesicht poken, vielleicht stehen sie ja drauf. Allerdings fürchte ich eher, dass ich eine Anzeige an den Hals bekomme.



Also Leute, hört auf mich zu belästigen! Ich kenne noch nicht einmal Eure Namen und da wollt Ihr gleich auf Tuchfühlung gehen? Nein, nicht mit mir. Ist ja nett, dass Ihr Euch zu mir hingezogen fühlt (also ich vermute mal, dass das einer der Gründe ist. Aber bei solchen Idioten weiß man ja nie.), aber schon mal was vom Flirten gehört? Oder verbaler Kommunikation? Und damit meine ich keine Cat Calls. Denn ohne werdet Ihr garantiert nie jemanden kennenlernen. Na, außer vielleicht im Gefängnis, wenn Ihr ganz viel Glück habt. Aber so eine Kittchen-Romanze hat meist nie ein Happy End, wisst Ihr?



PS: Vor einigen Wochen gab es auf Twitter den Hashtag #imZugpassiert, der eine Antwort auf die Einführung von Frauenabteilen in der Mitteldeutschen Regionalbahn war. Mal davon abgesehen, dass solche glorreichen Ideen Genfer Gaps nur fördern (Bye bye Emanzipation!) und die Problematik von sexuellen Übergriffen nicht löst, wird diesen Frauen einfach nicht geglaubt. Wie krank ist das bitte? #VictimShaming as its best. 




Top: NA-KD* | Mom Jeans: Monki Kimomo (Danke an Dan für den Tipp!) | College Jacket: Polham | Sneaker: Adidas Superstar | Watch: Daniel Wellington*




"Call me beautiful, so original, telling me I'm not like other girls
I was in my zone before you came along, now I'm thinking maybe you should go
Blah, blah, blah, blah
I be like nah to the I, to the I, to the no, no, no!



All my ladies listen up
If that boy ain't giving up
Lick your lips and swing your hips
Girl all you gotta say is...
My name is no
My sign is no
My number is no
You need to let it go
You need to let it go
Need to let it go
Nah to the ah to the, no, no, no!



Thank you in advance, I don't wanna dance (nope!)
I don't need your hands all over me
If I want a man, then I'mma get a man
But it's never my priority
I was in my zone, before you came along, don't want you to take this personal
Blah, blah, blah, I be like nah to the ah to the, no, no, no!"

Meghan Trainor - No

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  1. Hallo Yoyó, ich bin durch deinen Kommentar auf meinem Blog auf diesen Artikel gestoßen und finde keine Worte für die unmögliche Situation mit diesem Asipenner! Was soll der Scheiß? Dass er nicht mal einsieht, dass er was falsches macht und das Bild löscht! Aber dafür ist sein Gehirn anscheinend nicht mehr funktionstüchtig... Immerhin hattest du die Frau auf deiner Seite (und dass sie dich darauf aufmerksam gemacht hat, war wirklich sehr aufmerksam von ihr!) - auch, wenn alle anderen Fahrgäste einfach wegschauten! Da werde ich einfach wütend, wie kann man jemanden einfach so hilflos lassen? Ich verstehe die Menschheit nicht mehr :( Aber bezüglich Fotorechte wärst du "im Recht" gewesen, da du ja im Bild nicht zu übersehen warst und nicht als "künstlerisches Objekt im Motiv" dientest... Da hätte man notfalls wirklich strafrechtlich vorgehen können (nach meinem Wissen nach). Aber ich will mich nicht weiter aufregen über seine Dummheit, das nächste Mal würde ich einfach das Ganze aufnehmen als Beweismaterial (das ein Foto gemacht wurde ohne Zustimmung und nach Konfrontation dieses nicht mal gelöscht wird) und evtl. sogar wirklich anzeigen!

    Liebe Grüße und pass auf dich auf ♥

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  2. Ich versteh dir zu gut. Jedes Mal, wenn ich solche Beiträge lese, fallen mir wieder neue Situationen ein, in denen eine Freundin oder ich belästigt worden sind. Mittlerweile reagiere ich auch immer direkt aggressiv und lasse mir nichts vorschreiben. Aber als mich letztens ein Kerl mitten auf der Tanzfläche gepackt hat und mich küssen wollte, habe ich meinen Kopf nur weggedreht und ihn weggeschubst, aber nicht weiter zur Rede gestellt. Meine Freundinnen meinten, sie haben es nichtmal gemerkt, dabei standen sie direkt neben mir. Das hat mich auch etwas schockiert.

    Liebe Grüße,
    Vita

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