Kolumne #13: 240 km

Friday, April 21, 2017


Hinter dem Dunst starrt eine fremde Person aus dem Spiegel. Die Haare kleben noch klatschnass am Kopf, wie dicke Lianen. Tropfen um Tropfen fließt das Wasser am Gesicht hinunter, am Hals, Brust, Bauch, Beinen, zum Boden. Ihre Hand wischt an der beschlagenen Scheibe, in der Hoffnung, etwas Bekanntes dahinter zu sehen. Die Silhouette wird klar, doch die Person dahinter kommt ihr noch fremder vor als vorher. Lippen, die wie ihre sind, aber nicht ihre sind. Haut, die sich wie ihre anfühlt, es aber nicht ist. Augen, die ausdruckslos in ein fremdes Spiegelbild sehen.

Diese Stadt. Diese wilde, chaotische, lebensfrohe, energiereiche Stadt. Sie liebt sie, diese Stadt. Die Unbekümmertheit, Ehrlichkeit, Schroffheit. Dieses Heimatgefühl. Doch derzeit fällt ihr das atmen schwer, jeder Luftzug schmerzt in der Lunge. Als würde diese Stadt ihre Kehle zuschnüren, gar würgen. Ihr wird schwindlig. Sie muss raus, zumindest für einen Moment, das weiß sie. Doch wie lässt man alles hinter sich, wenn alles nur halbfertig ist: Angefangen, ungewiss, zerbrochen? 



Der Regen zieht an der Scheibe Schlieren hinter sich her. Wie um die Wette rennen die Tropfen in langgezogenen Bahnen am Glas entlang, um gleich darauf ineinander zu münden. Aus drei werden sieben, aus sieben vierunddreißig, aus vierunddreißig hundertzweiundsechzig. Schneller als im Sekundentakt schwingen die Scheibenwischer auf und ab, mindern das erbarmungslose Trommeln des Regen aber nicht. Hundertvierzig Kilometer pro Stunde. Er hat es eilig. Seine hochschwangere Frau hat Herzrasen in der Heimat. Ein Fluchen, als es blitzt. Ein Erinnerungsfoto an diese Fahrt.



Neue Gesichter, unbekannte Stimmen, fremde Blicke. Ihr kommt alles vertraut und gleichzeitig so anders vor. Das Herz schwer, den Kopf in der Schwebe. Sie ist verwirrt. Sie hat den Geschmack nach Salz vergessen. Diesen herzhaft und gleichzeitig süßen Geschmack, den sie in der Luft schmecken kann. Es ist windig, es zerzaust ihr das Haar. Dringt ihr trotz der fünf Lagen unter die Haut, lässt sie frösteln. Sie ist hier, den Sand unter den Füßen, die Sonne im Gesicht und das Rauschen im Ohr. Ihr klopft das Herz, dass es ihr zu Kopf steigt. Dann beginnt sie zu verstehen. 

Dieses kleine Örtchen, unaufgeregt und klein. Die Kälte in ihren Fingern, die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Als würde die Brise ein Lied singen, spülen die Welle unaufhörlich gegen die Brandung. Kinderlachen. Möwen. Gedanken ordnen sich. Sie begreift. Die Antwort war schon immer klar gewesen. Gewissheit, Überzeugung. Es hat zweihundertvierzig Kilometer gebraucht, damit sie begreift. 

Sie wird loslassen.


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